Erna de Vries - eine Überlebende des Holocaust

März 2015

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts haben wir, die Klasse H9b, uns intensiv mit dem Thema Zweiter Weltkrieg und Holocaust beschäftigt. Die Judenverfolgungen und die Deportationen von Menschen in Konzentrationslager sind bei den Schülern auf viel Betroffenheit und Unverständnis gestoßen. Besonders Aylin wollte unbedingt einmal mit einem/r Überlebenden direkt sprechen, um die Situation der Menschen damals besser nachvollziehen zu können. Nach Rücksprache mit der Jüdischen Gemeinde Osnabrück erhielt ich die Telefonnummer von Erna de Vries, die im Emsland wohnt und gerne in die Schulen kommt, um von ihrem Schicksal als Halbjüdin in der NS-Zeit zu berichten. Am 24.03.2015 war die über 90-Jährige bei uns in Buer.

Der Besuch von Erna de Vries beeindruckte die Schüler Hauptschulklassen 9 und 10 sehr; es war die ganzen 11/2 Stunden absolut still, es flossen Tränen, es kamen Fragen auf  und am Ende sprachen viele noch einzeln mit Frau de Vries oder schauten ihre eintätowierte Nummer an. 

Die Schüler werden ihre Erzählungen bestimmt nicht vergessen und in Zukunft hoffentlich sensibilisiert sein für Ausgrenzung und Diskriminierung heute.

 

Myria Ndundi (Klassenlehrerin)

Bericht einer Schülerin über das Projekt

 

Erna de Vries ist eine Überlebende des Holocaust -

Für sie hieß Auschwitz-Birkenau nur Leiden, Hungern und Tod

 

Sie erzählte uns, dass sie 1923 in Kaiserslautern geboren wurde.

Ihre Eltern hießen Jacob Korn und Jeanette Korn (geborene Löwenstein).

Ihre Mutter war Jüdin und ihr Vater evangelischer Christ, das rettete ihr Leben. Jacob Korn betrieb mit seinem Geschäftspartner eine Firma. Aufgrund einer Herzkrankheit starb er 1931.

Jeanette Korn führte das Unternehmen zusammen mit dem Geschäftspartner ihres verstorbenen Mannes weiter. Doch dies tat sie nicht lange, denn Juden waren dort nicht mehr erwünscht. Sie zog sich aus dem Geschäft und lebte mit ihrer Tochter vom Ersparten aus dem Geschäftsanteil. Erna besuchte eine private katholische Mädchenschule später jedoch konnte ihre Mutter das Schulgeld nicht mehr auftreiben und so wurde Erna in eine jüdische Sonderklasse versetzt.

Die anderen Schüler benutzten das Wort Juden schon als Schimpfwort, es hieß immer: ,,Juden raus, Juden raus“. Erna arbeitete nach der Schule in einer jüdischen Wäschenäherei.

Schon am Morgen nach der Kristallnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde auch das Heim der Korns verwüstet. Alles war mit Wasser bespritzt worden, der Kleiderschrank umgekippt und die Rückwand eingeschlagen, das ganze Porzellan  kaputt gehauen, alles wurde umgeschmissen und kaputt geschlagen. An diesem Tag konnte man denken eine Bombe sei in der Wohnung der Korns eingeschlagen, sagte Frau de Vries.

1939 zog Erna Korn nach Köln und begann dort eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin in einem jüdischen Altenheim und arbeitete als Altenpflegerin. 1941 begann sie dann dort eine Ausbildung zur Krankenschwester doch als sie von Deportationen von Juden gehört hatte, gab sie die Ausbildung auf und kehrte zurück nach Kaiserslautern, um bei ihrer Mutter sein zu können. Im Juli 1943 sollte ihre Mutter deportiert werden. Erna begleitete ihre Mutter freiwillig zunächst bis Saarbrücken wo sie eigentlich Abschied von ihrer Mutter nehmen sollte, doch sie konnte den SS-Mann überzeugen, dass sie ihre Mutter bis zum Schluss begleiten darf. Ihre Mutter war sehr traurig, dass Erna es geschafft hatte den SS-Mann zu überzeugen. Ende Juli 1943 trafen Erna und Jeanette Korn in dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau an. Sie schliefen zu fünft in einer Schlafstelle, die Decke war kaputt und voller Ungeziefer. Wenn sie z.B. eine  Zahnbürste besitzen wollten, mussten sie hungern, um Essen gegen so etwas einzutauschen.

Sie und ihre Mutter arbeiteten im Außenlager Harmensee, mussten jeden Tag einen langen Weg dorthin laufen und bis unter die Arme im kalten Wasser arbeiten. Wegen der Wanzenstiche aus dem Lager und des dreckigen Wassers bekam Erna Korn eine Infektionskrankheit, welche sich in ihrem Fall durch eitrige Wunden äußerte. Sie versuchte die Krankheit zu verstecken, doch am 15. September 1943 wurde sie aufgrund ihrer Krankheit in den Todesblock 25 verlegt. Alle, die in dem Todesblock saßen, wurden am nächsten Tag zu Lastwagen getrieben, um dann zu den Gaskammern zu fahren. Es herrschte große Verzweiflung und Chaos in dieser Nacht. Erna Korn verlor den Mut, ließ sich zu Boden fallen und wollte nur noch einmal die Sonne sehen. Andere trampellten auf ihren Händen herum als es losgehen sollte. Doch dann wurde ihre Nummer aufgerufen und ein SS-Mann holte sie aus der Gruppe heraus. Sie wurde verschont, da sie als so genannter jüdischer Mischling ersten Grades ins KZ-Ravensbrück gebracht werden sollte. Vorher konnte sie sich noch von ihrer Mutter verabschieden, die ihr mit auf den Weg gab: ,,Du wirst überleben und sagen, was man mit uns gemacht hat.“ Am 8. November 1943 wurde ihre Mutter Jeanette Korn ermordet.

Als die Alliierten näher rückten wurden die Innsassen des KZ auf so genannte Todesmärsche geschickt, damit sie nicht im KZ befreit werden konnten. Zum ersten Mal nach all dem was passiert war, wollte Erna aufgeben. Tage lang laufen und dieses ohne etwas zu Essen hielt sie nicht mehr aus. Doch dann wurden sie von britischen Soldaten befreit.

Erna kam bei einer Bauernfamilie unter.

 

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges lebte sie in Köln, wo sie Josef de Vries kennenlernte, den sie 1947 heiratete. Mit ihm hat sie 3 Kinder. Ihr Mann war Jude und zwischen 1939 und 1945 Häftling in den Konzentrationslagern Neuengamme, Sachsenhausen und Auschwitz-Birkenau. Mit ihm ging sie in seinem Heimatort Lathen im Emsland, wo sie nach dem Tod ihres Mannes blieb. Heute erfüllt sie den Wunsch ihrer Mutter und erzählt was man mit ihnen gemacht hat.

 

Aylin Palm